#zuversicht
#zuversicht

#zuversichtsgespräch mit Anna Schiester

Julia Wiesenegger
24. März 2026 07:00 Uhr

Im Gespräch mit PRISMA Vorstand Bernhard Ölz spricht Planungsstadträtin Anna Schiester über Zuversicht in der Stadtentwicklung, den Mut zu Entscheidungen, den Umgang mit Widerständen und Wohnen als zentrale Zukunftsfrage. Für sie ist klar: Eine Stadt mit so viel Geschichte darf sich nicht allein auf ihrem Erbe ausruhen, sie muss verantwortungsvoll weiterentwickelt werden.

Anna Schiester, Vorsitzende der Bürgerliste – Die Grünen in der Stadt Salzburg, ist Stadträtin für Stadtplanung, Umwelt, Verkehr und Klimaschutz in der Stadt Salzburg. Mit ihrer Erfahrung aus der Salzburger Stadtregierung und dem Salzburger Gemeinderat widmet sie sich aktuell Projekten wie beispielsweise dem neuen Räumlichen Entwicklungskonzept (REK), dem Schallmoos-Masterplan sowie der Entwicklung eines klimaneutralen Stadtteils in Maxglan und dem Mobilitätsplan (SUMP). Darüber hinaus ist sie Vorsitzende des Vereins STADTWERK in Salzburg. 

Salzburg hat eine lange Geschichte und ist international bekannt, nicht nur durch Mozart, sondern auch durch seine Rolle in der Stadtentwicklung. Die Stadt war immer wieder ein Vorbild. Wie siehst du deine Rolle in diesem Kontext? Was reizt dich persönlich an dieser Aufgabe?

Ich komme nicht aus der Stadtentwicklung. Und dass ich einmal politisch in der ersten Reihe stehe und für Stadtplanung Verantwortung übernehme, hatte ich nicht auf meinem Schirm. Aber gestalten wollte ich immer. Nach ein paar Jahren im Gemeinderat – gerade in der Corona-Zeit – wurde mir klar: Wenn Politik nur verwaltet, bleibt eine Stadt stehen. Und ich hatte zunehmend das Gefühl, dass Salzburg genau an diesem Punkt ist – sehr zufrieden mit dem, was da ist, aber zu wenig bereit, die Stadt wirklich weiterzudenken.

Wir hatten Erzbischöfe, eine wunderschöne Altstadt, wir sind Welterbe, wir haben Mozart. Und oft heißt es dann: Es ist doch eh alles gut. Aber genau das kann nicht der Anspruch sein. Eine Stadt mit dieser Geschichte und dieser internationalen Strahlkraft darf sich nicht nur auf ihrem Erbe ausruhen.

Meine Rolle sehe ich darin, dieses kulturelle und historische Fundament zu bewahren – und gleichzeitig den Mut zu haben, die Stadt weiterzuentwickeln. Salzburg ist ja kein Museum. Es ist eine lebendige Stadt, in der Menschen wohnen, arbeiten, Kinder großziehen. Und genau dafür müssen wir sie auch weiterdenken.

Wenn ich in 20 Jahren am Kapuzinerberg stehe und hinunterblicke, möchte ich sagen können: „Wir haben es nicht verbockt! Wir haben das Schöne geschützt und trotzdem Neues geschaffen.“ Und genau das treibt mich an. Stadtplanung und Stadtentwicklung sind jene Bereiche, in denen man die größten Hebel hat, wenn man sich traut, anzupacken.

Man spürt dein Interesse, dein Engagement und deine Motivation. Das ist wichtig in so einer Funktion. Die Bilder der Zukunft schaffen auch Zuversicht für andere. Gleichzeitig bringt dein Job sicher viele Herausforderungen mit sich.

Ja, das ist wahr, die Herausforderungen sind mannigfaltig.

Wenn du dir vorstellst, du stehst oben am Kapuzinerberg und schaust in 20 Jahren auf die Stadt hinunter, woran würdest du erkennen, dass es gut gelaufen ist?

Für mich sind das zwei Dinge.

Das eine ist unser Erbe. Die Altstadt prägt Salzburg wie kaum etwas anderes – mit den Stadtbergen, der Salzach, den sakralen Bauten, den engen Gassen, diesem Gefühl von Stadt, das viele Orte längst verloren haben. Gleichzeitig spüren wir heute sehr deutlich, dass wir auch ein Stück weit an unserer eigenen Marke leiden: an Overtourism, an einer gewissen Musealisierung. Die Zahl der Menschen, die tatsächlich in der Altstadt leben, ist stark zurückgegangen. Wenn es uns gelingt, diesen Ort wieder stärker zu einem Lebensraum für die Menschen hier zu machen – und nicht nur zu einer Kulisse für Besucher_innen –, dann wäre das für mich ein ganz großer Erfolg.

Und gleichzeitig ist Salzburg natürlich viel mehr als diese wunderschöne Altstadt. Wenn man von oben auf die Stadt schaut, sieht man, wie viel Potenzial eigentlich da ist: wie grün sie ist, wie viele Räume und Möglichkeiten es gibt. Natürlich bewegen wir uns innerhalb klarer Rahmenbedingungen – Welterbe, geografische Grenzen, Grünlandschutz. Aber genau innerhalb dieses Rahmens den Mut zu haben, Chancen zu sehen und nicht nur zu verwalten, das ist für mich entscheidend.

Wenn ich in 20 Jahren auf die Stadt blicke, möchte ich nicht das Gefühl haben, dass wir sie einfach nur konserviert haben. Ich würde gerne sehen, dass neue, qualitätsvolle Orte entstanden sind, dass wir klug mit dem Bestand umgegangen sind – und dass wir der nächsten Generation eine Stadt hinterlassen haben, in der man nicht nur gerne zu Besuch ist, sondern vor allem gerne lebt. Und dazu gehört ganz wesentlich auch die Frage des Wohnens.

Wohnen ist in der Stadt natürlich ein großes Thema. Ich spreche immer wieder von Zuversicht. Wie geht ihr das konkret an? Wie löst sich das Thema Wohnen? Und gibt es etwas, das man auch anderen Gemeinden mitgeben kann?

Ich kann das nur aus meiner Perspektive sagen: Ich bin eine grüne Politikerin in einer Stadt, in der der Grünlandschutz eine enorme Bedeutung hat – und das auch dank der Gründer_innen der Bürgerliste, die ihn politisch erkämpft und dauerhaft verankert haben. Heute stehen rund 57 Prozent des Stadtgebiets unter diesem Schutz. Dass Salzburg diese außergewöhnliche Nähe von Stadt und Natur bewahrt hat, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis dieser Entscheidungen und dieses politischen Engagements.

Auf der anderen Seite müssen wir auch ehrlich sein: Boden ist in Salzburg extrem knapp geworden, und mit Bauland wird – wie in vielen Städten – auch spekuliert. Das ist kein Geheimnis. Wohnen ist teuer, für viele Menschen inzwischen zu teuer. Wohnen ist längst eine der großen sozialen Fragen unserer Zeit.

Gerade deshalb müssen wir alle Möglichkeiten nutzen, um leistbaren Wohnraum zu schaffen. Ein kleiner Teil davon wird auch auf der grünen Wiese stattfinden, aber nur in untergeordnetem Ausmaß. Entscheidend wird sein, die Stadt weiterzuentwickeln, die wir schon haben: bestehende Quartiere zu transformieren, brachliegende Flächen zu nutzen und klug mit dem Bestand umzugehen.

Daher ist mein Ansatz, Stadtentwicklung nicht nur von Jahr zu Jahr zu denken. Mit dem Räumlichen Entwicklungskonzept arbeiten wir an einem Plan für die nächsten 25 Jahre. Denn die Entscheidungen, die wir heute treffen, prägen diese Stadt für Generationen. Es gibt Potenzial in Salzburg, aber es ist nicht grenzenlos. Umso wichtiger ist es, dieses Potenzial klug zu nutzen – damit Salzburg nicht nur eine schöne Stadt bleibt, sondern auch eine Stadt, in der Menschen gut leben können.

Man muss auch den Mut haben, bestehende Regeln zu überdenken. Wir sehen ja selbst, dass viele Flächenwidmungen, Pläne und Verordnungen 50, 60 oder 70 Jahre alt sind. Das ist historisch gewachsen, aber nicht alles davon ist heute noch zeitgemäß. Wenn sich Rahmenbedingungen ändern, muss man Planung weiterentwickeln. Das braucht Haltung und auch persönliche Kraft. Woher nimmst du die Energie und den Mut, Salzburg weiterzuentwickeln, gerade in einer Stadt mit so viel Geschichte, Erwartung und teils auch Widerstand?

Ich ziehe meine Energie tatsächlich sehr stark aus der Begegnung mit Menschen. Aus Gesprächen, aus Rückmeldungen, aus dem Austausch mit Menschen, die sich für ihre Stadt interessieren. Vor allem aus dem Gefühl, dass viele etwas beitragen wollen. Die meisten wollen ja gar nicht nur jammern – sie wollen mitdenken, mitarbeiten, ihre Stadt mitgestalten. Dieses Bedürfnis nach Eigeninitiative steckt, glaube ich, in vielen Menschen.

Wenn es gelingt, Menschen mitzunehmen und für eine Idee zu begeistern – und diese Begeisterung auch wieder zurückkommt –, dann gibt das unglaublich viel Kraft.

Auch die Reibung gehört für mich dazu. Stadtentwicklung ist nie konfliktfrei. Aber ich finde diese Auseinandersetzungen oft spannend. Aus Reibung entsteht Energie. Solange Diskussionen respektvoll und auf Augenhöhe geführt werden, motiviert mich das eher, als dass es mich belastet.

Und ich finde es auch persönlich spannend, diese Aufgabe aus meiner Perspektive zu machen – als jüngere Frau in der Stadtplanung. Diese Rolle gab es in Salzburg so noch nicht. Sich darin zu bewegen, neue Perspektiven einzubringen und Verantwortung zu übernehmen, gibt mir zusätzliche Energie.

Und dann gibt es noch diese Momente, in denen man merkt: Man kann wirklich etwas gestalten, eine Stadt mitprägen und ein Stück weit in eine gute Zukunft führen. Wenn eine Idee, über die man lange gesprochen und gearbeitet hat – und für die man vielleicht am Anfang auch ein bisschen belächelt wurde – plötzlich Realität wird, wenn sich ein Ort verändert und etwas Neues entsteht, dann ist das ein sehr besonderer Moment. Und genau solche Momente geben mir Zuversicht.

Das ist ein guter Abschluss, Anna. Herzlichen Dank für dieses Gespräch und danke auch nochmal für dein besonderes Engagement im Verein STADTWERK.