#zuversicht
#zuversicht

#zuversichtsgespräch mit Bürgermeister Dirk Bastin

Julia Wiesenegger
21. Juli 2026 07:45 Uhr

Das #zuversichtsgespräch mit Bürgermeister Dirk Bastin: Radikale Aufenthaltsqualität und der Mut zur Veränderung

Im #zuversichtsgespräch mit PRISMA Vorstand Bernhard Ölz spricht Dirk Bastin, Bau- und Umweltbürgermeister der Stadt Ravensburg, über radikale Aufenthaltsqualität, die Kraft der Selbstwirksamkeit und warum die beste Stadtentwicklung immer die ist, die man gemeinsam denkt.

Dirk Bastin ist seit 2015 Bau- und Umweltbürgermeister der Stadt Ravensburg und leitet Dezernat III mit den Ämtern für Stadtplanung, Bauordnung, Tiefbau und Umwelt. 2023 wurde er vom Gemeinderat für eine zweite Amtszeit von acht Jahren wiedergewählt. Als studierter Ingenieur für Gebäudeklimatik bringt er einen technischen Blick auf Stadtentwicklung mit, und seit über zwölf Jahren formt er gemeinsam mit seinem Team eine Verwaltung, die sich vom Verhindern zum Begleiten gewandelt hat.

Uns geht es immer darum, Zuversicht greifbar zu machen, gerade bei Menschen wie dir, die so viel Energie ausstrahlen. Deshalb meine erste Frage: Was motiviert dich, was treibt dich an? Und woher nimmst du die Kraft für das, was du tust?

Woher ich die Kraft nehme? Wahrscheinlich daher, dass es einfach Freude macht. In dem Moment, wo du Freude an den Aufgaben hast und einfach auch Sinn siehst in dem, was du tust, ist man motiviert.

Wir haben eine große Transformation vor uns. Da könnte man den Kopf in den Sand stecken und sagen: Komm, das ist mir alles too much. Oder du gehst die Sachen wirklich an. Wir reden über Klimawandel, wir leben in verdichteten Städten, und da wollen die Menschen auch in dreißig, vierzig Jahren noch leben. Wir müssen uns als Stadt die Frage stellen: Wie sind unsere Antworten darauf?

Und ein ganz wichtiges Thema für uns als Stadt: Ravensburg ist eine alte, sehr selbstbewusste Handelsstadt. Eine freie Reichsstadt, immer geprägt vom Handel. In den großen Reichsstädten wie Ulm oder Freiburg steht die Kathedrale in der Mitte der Stadt. Bei uns steht ein Kaufhaus in der Mitte, und die Kathedralen stehen am Rande. Das sagt viel über das Selbstbewusstsein der Kaufleute. Aber der Handel ist heute in einem unglaublichen Umbruch. Die jungen Leute bestellen nach Hause, das ist bequemer und oft günstiger.

Man merkt, dass du große Freude an diesen Themen hast. Gehen wir ein bisschen in die Stadtentwicklung. Ravensburg ist für uns immer ein Vorbild. Ich kenne einige Leute, die nach Ravensburg fahren, weil sie sagen, da spürt man Leben, es gibt tolle Lokale und Geschäfte. Und gleichzeitig ist fußläufig Industrie in der Stadt. Man könnte fast sagen, Ravensburg ist eine Idealstadt, wie man sich die Stadt der Zukunft vorstellt. Was macht ihr, dass das so funktioniert?

Das ist tatsächlich eine der Kernfragen, die uns antreibt. Was in der Stadtplanung über viele Jahre üblich war: Man muss die Dinge trennen. Gewerbe dahin, Wohnen dorthin, und den Handel am besten ins große Center vor der Stadt, weil es so super mit dem Auto zu erreichen ist. Diese trennenden Funktionen, da haben wir als Stadt eine klare Entscheidung getroffen: Das machen wir grundsätzlich anders. Wir denken die Dinge zusammen. Wir müssen wieder mehr in diese alte europäische Stadt, in der der Handwerker unten seinen Betrieb hatte und darüber gewohnt hat.

Und die nächste Frage, die wir uns gestellt haben: Was unterscheidet uns vom Onlinehandel? Warum kommen die Leute gerne in die Stadt? Und das ist radikale Aufenthaltsqualität.

Radikale Aufenthaltsqualität, finde ich eine geniale Wortkombination.

Und dann muss man die Dinge zusammendenken. Ein Beispiel ist der Gespinstpark, ein kleiner Platz mitten in der Stadt, gerade mal zweitausend Quadratmeter. Vorher ein Parkplatz mit siebzehn Stellplätzen und Zweirichtungsverkehr. Zwanzig Jahre hat sich niemand getraut, dieses Thema anzugehen. Der Handel hat geschrieben: Wenn ihr uns die Parkplätze wegnehmt, ist das der Tod des Altstadt-Einzelhandels.

Und wir haben es gemacht. Wir haben alle Gebäude an eine klimaneutrale Wärmeversorgung angeschlossen, die Aufenthaltsqualität erhöht und daraus eine reine Fußgängerzone gemacht. Und jetzt, oh Wunder: Die Frequenzen haben sich auf dem Platz verzehnfacht. Das belegen wir mit Daten, damit wir diese Diskussion bei kommenden Projekten nicht wieder zwanzig Jahre führen müssen. Insgesamt hat Ravensburg in der Altstadt im letzten Jahr einen Frequenzgewinn von sechs Prozent.

Im Zuge der Digitalisierung haben wir außerdem die Bauanträge und unsere gesamten Bebauungspläne komplett digitalisiert und vektorisiert. Wenn jemand zukünftig ein dreidimensionales Baugesuch einreicht, gleichen sich die Dinge vollautomatisch ab. Ich habe direkt eine Rückmeldung und kann Abweichungen sofort mit den Bauherren besprechen. So kommen wir zu einer viel schnelleren Bearbeitungszeit.

Das macht viel aus. Bauanträge sind für viele der erste echte Berührungspunkt mit der Verwaltung. Wenn das dann schnell und präzise läuft, entsteht Vertrauen, und genau das ist ja auch ein Stück gelebte Zuversicht. Wenn eine Verwaltung Geschwindigkeit und Genauigkeit so verbindet, ist das ein echtes Signal für Handlungsfähigkeit.

Jede Woche gehen die digitalen Bauanträge ein. Einmal die Woche gibt es dann eine gemeinsame Morgenlage, in der wir diese im Team durchgehen. In Zukunft wählt sich jede_r das Projekt aus, das ihn oder sie besonders interessiert und zur eigenen Expertise passt, und kann direkt in die Arbeit mit den Bauherren einsteigen. Das ist auch ein Veränderungsprozess: Die Kolleg_innen kamen bisher aus der Prüfung, und jetzt wird aus der Prüfung eine Beratung, weil die Prüfung irgendwann die KI übernimmt. Da liegt für uns eine große Chance.

Bleiben wir beim Miteinander. Partnerschaften und Kooperationen sind auch für uns bei PRISMA ein zentrales Thema. Wie erlebst du das in der Stadt, und wo würdest du sagen: Das hat gut funktioniert, das machen wir wieder?

Das war schon immer meine Überzeugung, und da sind wir wieder bei der Historie der alten freien Reichsstadt mit dem Bürgersinn. Es ist nicht die Aufgabe der Stadt, die Investitionen voranzutreiben, sondern wir haben Partner, die das tun. Wir müssen sie positiv begleiten. Und trotzdem bleiben wir öffentliche Verwaltung: Wir tragen die Verantwortung dafür, dass die Stadt dabei ihren Charakter nicht verliert und dass wir die Qualitäten einer Stadt erklären und immer wieder betonen. Wir leben auf den Schultern unserer Vorgänger, aber wir gestalten auch die Zukunft. Deshalb ist es entscheidend, dass Stadt und Partner das Hand in Hand tun. Denn Partnerschaften bringen Innovationen mit, die wir als Verwaltung selbst nicht hervorbringen würden. Und genau das macht eine Stadt lebendig und bringt sie wirklich weiter.

Die große Frage ist eigentlich: Wo ist Ravensburg in zehn oder zwanzig Jahren? Wie reden wir dann über die Stadt? Hast du da ein Bild vor Augen?

Das ist kein Prozess, den man alleine als Baudezernent erarbeitet, wenn man es verantwortungsvoll macht, dann mit den Bürgerinnen und Bürgern. Ich glaube, es gibt ein ganz großes Commitment und einen großen Konsens: Wie schaffen wir es mit der durchmischten Stadt, mit den kurzen Wegen, die Stadt behutsam weiterzuentwickeln? Das gelingt uns besser als anderen. Wir kennen aus anderen Städten die Riesenkonflikte, wenn es um Bebauungspläne und Innenentwicklung geht. Bei uns gibt es in der Stadtgesellschaft ein großes gemeinsames Werteverständnis.

Es wäre vermessen zu sagen, man habe für dreißig Jahre ein ganz klares Bild. Es wird immer Opportunitäten geben, die man nutzen muss, oder bei denen man ganz bewusst sagt: Das macht an dieser Stelle keinen Sinn, weil es nicht zur DNA der Stadt passt. Dieses gemeinsame Selbstverständnis, das wir bis 2035 entwickelt haben, ist unsere Leitschnur.

Und dasselbe Prinzip gilt auch nach innen, in der Verwaltung. Am Anfang steht man da vor gewachsenen Silos. Aber wenn es dir gelingt, zunächst nur zehn Leute für die Veränderung zu gewinnen, die wirklich Lust darauf haben und voll mitmachen, im Sinne von Selbstwirksamkeit und Sinn, dann bekommst du einen ganz anderen Hebel. Alleine stößt man schnell an Grenzen, aber gemeinsam bewegt man wirklich etwas.

Das ist eine schöne Form von gelebter Motivation, und genau daraus entsteht ja auch Zuversicht.

Das strahlt das ganze Team dann auch aus. Und das fängt schon bei den Kolleg_innen an, die neu zu uns kommen. Das ist es, was ich mit Selbstwirksamkeit meine: Man sucht sich sein Projekt selber aus und sagt „Das möchte ich machen", und geht doch ganz anders heran, als wenn ich sage „Das musst du machen".

Gehen wir noch kurz auf KI ein. Wie wendet eine Stadt KI sinnvoll an? Wo setzt ihr sie schon aktiv ein?

Das ist eine der ganz großen Herausforderungen in der öffentlichen Verwaltung. Wir haben an vielen Stellen sehr schnell personenbezogene Daten, und die dürfen nicht über die KI laufen. Deswegen haben wir KI in der Kernverwaltung, in den hoheitlichen Bereichen, bisher nur am Rande im Einsatz.

Wir arbeiten jetzt an einem System, das für uns ganz wichtig ist: Wir haben unsere Akten digitalisiert, sie liegen in einem Dokumentenmanagementsystem, in dem auch personenbezogene Daten enthalten sind. Hier setzen wir eine KI in einem geschlossenen System ein, sie entfaltet ihre Wirkung nur innerhalb dieses Systems und ist nicht mit dem äußeren Netz verbunden. Früher hatten wir alles in Papierakten, ich wusste gar nicht, wo etwas in der Akte steht, und habe viel Zeit mit Suchen verloren. Diesen Zeitverlust wird es nicht mehr geben.

Und dann gibt es Bereiche ohne personenbezogene Daten, wo wir direkt mit KI arbeiten. Die Bebauungspläne, die wir ja bereits vektorisiert haben, sind ohnehin veröffentlicht. Diese Daten sind für alle und damit auch für die KI zugänglich. Oder unsere Verkehrssteuerung: Wir haben alle Ampeln mit Kameras ausgestattet und einen leistungsfähigen Verkehrsleitrechner beschafft. Diese Daten nutzen wir nicht mehr für statische Ampelsteuerung wie früher, sieben bis neun Uhr Berufsverkehr, dann schaltet die Ampel anders, sondern bei uns passiert das zukünftig in Echtzeit. Und wenn wir das noch mit einem Algorithmus vernetzen, entstehen enorme Chancen für die Zukunft.

Zum Schluss noch die Kernfrage unseres Gesprächs: Was gibst du anderen mit, ob in Wirtschaft, Verwaltung oder Stadtgesellschaft, damit sie trotz Krisen zuversichtlich nach vorne blicken?

Was ich total spannend finde und auch sehr ernst meine, ist als Allererstes: Fang bei dir selber an. Warte nicht darauf, dass andere die Dinge für dich lösen, sondern mach dich selbst zum Teil des Erfolgs und des Prozesses.

Als man mich vor fünfzehn Jahren gefragt hat, ob ich diese Aufgabe übernehmen möchte, haben alle abgeraten: „Um Gottes willen, die Bauverwaltung, das wirst du niemals verändern." Und jetzt sind wir diesen Weg zwölf Jahre gemeinsam gegangen, alle miteinander. Das ist nicht mein Erfolg, sondern der Erfolg jedes Einzelnen, der Teil dieser Veränderung ist. Und das macht doch zuversichtlich. Wenn man sieht: Das ist keine Fata Morgana, sondern wir haben es selber in der Hand.

Ein schönes Schlusswort, Dirk. Genau diese Haltung, selbst anzupacken statt zu warten, macht Mut. Herzlichen Dank für dieses Gespräch.
Ähnliche Artikel
#zuversicht

#zuversichtsgespräch mit Elisabeth Zehetner

Elisabeth Zehetner ist seit 1. April 2025 Staatssekretärin für Energie, Startups und Tourismus im Bundesministerium für ...
Details