Standorte

Im Gespräch: Stadtentwicklung Salzburg mit Anna Schiester

Julia Wiesenegger
07. Mai 2026 08:00 Uhr

Im Gespräch mit PRISMA Vorstand Bernhard Ölz sprechen Planungsstadträtin Anna Schiester und PRISMA Salzburg Geschäftsführer Jakob Bonomo über das, was zukunftsfähige Stadtentwicklung ausmacht: Dialog auf Augenhöhe, mutige Visionen und die Überzeugung, dass dabei immer eine ganze Stadt mitgedacht wird.

Anna Schiester, Vorsitzende der Bürgerliste – Die Grünen in der Stadt Salzburg, ist Stadträtin für Stadtplanung, Umwelt, Verkehr und Klimaschutz in der Stadt Salzburg. Zudem ist sie Vorsitzende des Vereins STADTWERK in Salzburg. Mit ihrer Erfahrung aus der Salzburger Stadtregierung und dem Salzburger Gemeinderat widmet sie sich aktuell Projekten wie beispielsweise dem neuen Räumlichen Entwicklungskonzept (REK), dem Schallmoos-Masterplan sowie der Entwicklung eines klimaneutralen Stadtteils in Maxglan und dem Mobilitätsplan (SUMP). 

Wir sind heute hier im ACHT ZWEI VIER in Salzburg. Gerade an diesem Standort wird erlebbar, wie stark sich ein Ort entwickeln kann. Möglich wurde das auch durch mutige politische Entscheidungen und die Bereitschaft, Transformation zuzulassen. Ich glaube, das war ein wichtiger, qualitätsvoller Schritt an der Haupteinfahrt ins Zentrum von Salzburg. Wenn man sich die ursprünglichen Planungen ansieht und dem das heutige Ergebnis gegenüberstellt, stellt sich die Frage: Was hat sich im kooperativen Entwicklungsprozess verändert und was ist aus heutiger Sicht gelungen?

Jakob Bonomo:
In der Zusammenarbeit mit der Stadtplanung haben wir erlebt, wie wichtig Dialog ist. Sie kennt die Grundlagen, die bestehenden Regeln und Potenziale sehr genau. Gleichzeitig hat die Stadt immer wieder aufgezeigt, welche Möglichkeiten daraus entstehen können. Daraus ist eine sehr produktive und wertschätzende Zusammenarbeit entstanden.

Anna Schiester:
Ich habe den Eindruck, dass sich in den letzten Jahren eine größere Offenheit entwickelt hat, Themen stärker gemeinsam anzugehen. Das gilt auf politischer Ebene genauso wie innerhalb der Verwaltung. Viele Mitarbeitende leben selbst in der Stadt und bringen dadurch auch eine eigene Perspektive ein. Sie wollen die Stadt nicht nur verwalten, sondern aktiv mitgestalten.

Das spüren wir ebenfalls sehr positiv. In Stadtplanungen bzw. -entwicklungen fehlt es sonst nach unserer Einschätzung oft an Kapazitäten und Ressourcen, sich intensiv mit diesen wichtigen Fragen auseinanderzusetzen. Dabei sind gerade interdisziplinäre Entwicklungsprozesse entscheidend, weil Räume und Gebäude nach deren Realisierung für Jahrzehnte bestehen. Man muss sich also Zeit für eine inhaltliche, zukunftsorientierte planerische Auseinandersetzung nehmen und dabei Gestaltungsfreiheit zulassen. Jakob, du lebst in Salzburg. Wie erlebst du die Entwicklung der Stadt aus dieser Perspektive, gerade mit Blick auf die Frage, wie neue Stadtteile heute funktionieren?

Jakob Bonomo:
Ein gutes Beispiel ist aus meiner Sicht die Durchmischung von Nutzungen. Die entsteht nicht von selbst, sondern muss bewusst geplant werden. Der Entwicklungskorridor hier zeigt das gut. Es ist viel Wohnbau entstanden, auch geförderter Wohnbau. Gleichzeitig hat man erkannt, dass es zusätzliche Bausteine braucht, damit ein Gebiet wirklich funktioniert. Die Frage ist, wie wir dieses Prinzip künftig auf andere Gebiete übertragen, etwa auf Schallmoos oder auf die Weiterentwicklung des Andräviertels. Der Druck im Wohnbau ist groß, aber einfach Tausende Wohnungen zu bauen reicht nicht aus.

Anna Schiester:
Genau das ist auch mein Zugang. Ich sage immer, ich will nicht nur Wohnungen bauen, sondern eine Stadt bauen.
Wohnen ist eine Riesenherausforderung in Salzburg und das muss man gemeinsam denken mit Arbeitsplätzen, Nahversorgung, öffentlichen Räumen und kurzen Wegen.
Es kann ja nicht sein, dass Menschen für alles, was sie brauchen, mit dem Auto irgendwohin fahren müssen. Gerade das Mischen von Arbeiten, Gewerbe und Wohnen ist daher in Zukunft noch entscheidender. Schallmoos ist für mich ein klassisches Transformationsgebiet. Dort ist bereits viel gemischt, aber noch nicht in der Qualität, wie wir es uns heute vorstellen. Und ich sehe darin eine große Chance. Es gibt viele Arbeitsplätze, hochwertige Unternehmen und enormes Potenzial für den öffentlichen Raum, für neue Zentren und für Grünräume.

Jakob Bonomo:
In der aktuellen Diskussion wird sehr stark über Prozentzahlen gesprochen, etwa über Verhältnisse wie 80 zu 20 oder 70 zu 30 zwischen gefördertem Wohnen und anderen Nutzungen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Debatte fast zu stark auf diese eine Frage konzentriert. Entscheidend ist letztlich die Qualität eines Projekts.

Anna Schiester: Wohnen ist nun einmal zentral. Die Frage nach leistbarem und gutem Wohnraum ist eine der entscheidenden Zukunftsfragen für Salzburg. Aber gerade deshalb dürfen wir Wohnen nicht zu eng denken. Es geht nicht nur darum, möglichst viele Wohnungen zu bauen. Es geht darum, gute Wohnquartiere zu schaffen: mit kurzen Wegen, Grünräumen, sozialer Infrastruktur, Nahversorgung und guter Mobilität.

Wohnen funktioniert dann, wenn auch das Umfeld stimmt. Menschen brauchen mehr als vier Wände. Sie brauchen ein Zuhause in einem Stadtteil, der ihnen etwas zu bieten hat. Deshalb diskutiere ich auch nicht gerne ausschließlich über Zahlen oder Dichte. Beides ist wichtig, aber am Ende zählt die Qualität eines Projekts: Wie lebt man dort? Welche Nachbarschaft entsteht? Gibt es Platz für Kinder, ältere Menschen, Familien und Alleinlebende? Gibt es Räume, die Gemeinschaft möglich machen? Gute Stadtentwicklung heißt für mich: Wohnen ermöglichen – aber so, dass daraus lebendige, gemischte und zukunftsfähige Stadtteile entstehen.

Und ich finde den Zugang sehr positiv, zu sagen, wir wollen „Stadt“ bauen und nicht einfach nur verdichten. Es geht um Nahversorgung, um die Stadt der kurzen Wege und um eine Nutzungsmischung, eine Vielfalt und Lebendigkeit, die im Alltag funktioniert. Gleichzeitig sehen wir in der Praxis oft, dass gerade das Gewerberecht eine große Herausforderung sein kann, selbst bei kleinen Gastronomiebetrieben, gewerblichen oder anderen Nutzungen, die im Zusammenspiel mit Wohnen sinnvoll wären. Überzogene Regelwerke schränken hier manchmal mehr ein, als sie ermöglichen. Viele dieser Herausforderungen lassen sich mit guten Nutzungskonzepten lösen, aber dafür braucht es Erfahrung und auch einen gewissen Mut und partnerschaftliche Modelle auf Augenhöhe.

Jakob Bonomo:
Zum Wohnbau in Salzburg. Ich beobachte auch in meinem persönlichen Umfeld, dass sich die Situation hinsichtlich des sogenannten „leistbaren Wohnraum“ stark verändert hat. Viele Menschen, auch mit sehr guten Einkommen, wären heute eigentlich auf geförderten Wohnraum angewiesen, dessen Errichtung wesentlich durch öffentliche Mittel – und damit durch allgemeine Steuereinnahmen – ermöglicht wird. Ohne Erbschaft ist es für viele kaum mehr möglich, Eigentum zu erwerben. Ich würde mir wünschen, dass neben den etablierten Modellen des geförderten und gemeinnützigen Wohnbaues, die Innovationskraft des freien Marktes stärker genutzt, zugelassen und auch eingefordert wird.

Das Thema Wohnen spielt in Salzburg wie in vielen anderen Regionen eine zentrale Rolle. Leistbarkeit bedeutet für mich dabei viel mehr als nur die Höhe der Miete. Es geht darum, was ich in kurzer Zeit erreichen kann, um Wege, Zeitbudgets und damit letztlich um Lebensqualität und die Möglichkeit, unterschiedliche Lebensentwürfe auch leben zu können. Wir halten seitens PRISMA viel von vielschichtigen, kreativen und kooperativen Modellen. Ein vorgelebtes Beispiel dazu ist die Rauchmühle. Dort ist heute eine Vielfalt an Möglichkeiten für Menschen entstanden. Ein aktives Miteinander von privatem und gemeinnützigem Wohnbau, ein attraktiver, gemeinsam mit der Stadt gestalteter Außenraum, kreative gewerbliche Nutzungen usw. Solche Quartiere, die aus einer Transformation eines historisch gewerblich genutzten Areals entwickelt und partnerschaftlich umgesetzt wurden, haben weit über die Grenzen hinaus Vorbildcharakter.

Anna Schiester:
Der genossenschaftliche Wohnbau ist in Österreich eigentlich ein Erfolgsmodell. In Deutschland wird man oft darum beneidet. Er schafft leistbaren Wohnraum für die breite Mitte der Gesellschaft.

Die entscheidende Frage ist, wer diesen Wohnraum baut und wie er finanziert wird, egal ob öffentlich oder privat. Es gibt interessante kooperative Modelle, etwa Vereinbarungen mit Städten, bei denen ein Teil der Wohnungen bewusst günstiger vermietet wird. Solche Ansätze werden wir in Zukunft noch stärker weiterdenken und umsetzen.

Anna Schiester:
Salzburg hat in dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle, etwa mit der Vertragsraumordnung. Aus Sicht der öffentlichen Hand bedeutet das, dass man sich gemeinsam etwas vereinbart. Projektentwickler bekommen neue Rahmenbedingungen oder neue Bebauungsbedingungen, und im Gegenzug gibt man der Stadt auch etwas zurück. Das kann öffentlicher Raum sein, Infrastruktur oder leistbarer Wohnraum.
Andere Städte machen das in dieser Form nicht und könnten viel davon lernen. Bei uns ist das eigentlich seit langer Zeit gelebte Praxis.

Hier hat Salzburg viel Erfahrung und auch gut vorgelebt. Ein Punkt bezüglich Leistbarkeit ist für uns und generell die Geschwindigkeit in Verfahren. Entwickler sollten Planungssicherheit in zeitlicher und inhaltlicher Hinsicht bekommen. Diese Sicherheit ist, denke ich, ähnlich wichtig wie finanzielle Förderungen.

Anna Schiester:
Ein Thema, das dabei auch immer dazugehört, ist die Beteiligung. Ich halte es für selbstverständlich, dass Menschen eingebunden werden, wenn sich ihre unmittelbare Umgebung verändert. Stadtentwicklung kann nicht ohne die Menschen stattfinden, die dort leben.

Das sehen wir bei der PRISMA genauso. In der Bürgerbeteiligung entsteht immer Wissen über einen Ort, seine Vergangenheit und Zukunftsbilder. Das ist für Planungen sehr wertvoll und relevant. Stadt gemeinsam weiterzuentwickeln, zu gestalten und #Möglichkeitenräume zu schaffen, die nachhaltig wirken, ist eine hohe und besondere Verantwortung. Herzlichen Dank für das spannende und inspirierende Gespräch.